»Denn obwohl sie von Gott wussten, haben sie ihn nicht geehrt und ihm nicht gedankt.«
Römer, 1, 21a
Liebe Leserin, lieber Leser!
Zum 1.1.1979 wurden die Ev. Kirchengemeinde Rondorf und auch die Ev. Kirchengemeinde Sürth-Weiß selbstständig; vorher gehörten beide Gemeinden als Pfarrbezirk II (Sürth-Weiß) und Pfarrbezirk III (Rondorf) zur Ev. Kirchengemeinde Rodenkirchen. 47 Jahre lang währte diese Zeit der Selbstständigkeit.1
»Ein jegliches hat seine Zeit«, heißt es in einem bekannten Text des Alten Testaments (Prediger Salomo 3,1). Dieser Vers spricht davon, dass etwas seine Zeit gehabt hat. Wenn etwas seine Zeit hatte oder hat, dann heißt das, dass etwas genau zur rechten Zeit geschah oder geschieht. Dass etwas seine Zeit gehabt hat, ist also gar keine negative Feststellung mit der Betonung darauf, dass etwas zu Ende geht, sondern vielmehr ein ganz und gar positives Urteil: Das Urteil, dass etwas seine Zeit gehabt hat, besagt auch und vor allem, dass etwas genau zur rechten Zeit geschah. Das wiederum stimmt uns nicht wehmütig, sondern vielmehr dankbar. Zum Danken hat auch die Ev. Kirchengemeinde Rondorf allen Grund, wenn sie auf ihre Zeit zurückblickt: Die 47 Jahre der Selbstständigkeit der Ev. Kirchengemeinde Rondorf waren eine ungemein segensreiche Zeit für diese Gemeinde. Nach einer gemeinsamen Gemeindegeschichte bis 1978 hatte es 1979 seine Zeit, dass Rodenkirchen, Rondorf und Sürth-Weiß als drei Ortsgemeinden selbstständig wurden. Heute ist es an der Zeit, wieder zusammenzugehen. Ab dem 1. Januar 2026 bildet die Ev. Kirchengemeinde Rondorf – gemeinsam mit den bisherigen Ev. Kirchengemeinden Rodenkirchen und Sürth-Weiß – die neue (alte) Ev. Kirchengemeinde Köln-Rodenkirchen. Viele Stunden, viele Überlegungen und viele Mühen haben die drei Presbyterien in den letzten Jahren darauf verwendet, diese Zeit gewissenhaft vorzubereiten. Auch dafür sind wir dankbar. Weil wir allen Grund zum Danken haben, sei das auch das Thema des folgenden Leitartikels: die Dankbarkeit bzw. der Dank.
Die Dankbarkeit und der Dank
Dankbarkeit entsteht da, wo einer Person eine Wohltat widerfährt bzw. sie eine gute Gabe erhält. Wenn uns jemand zum Weihnachtsfest etwas schenkt, sind wir dankbar dafür und danken dem Geber dieser Gabe. Wenn uns jemand in einer Notlage hilft, danken wir dem Helfer für seine Zuwendung und Hilfe. Für etwas, das uns zusteht oder worauf wir ein Anrecht haben, sind wir nicht dankbar. Die Gaben oder Wohltaten, für die wir dankbar sind, sind etwas, das wir uns nicht verdient haben, sondern das uns unverdient gegeben wird oder aus freien Stücken widerfährt. Der Dankbarkeit geht also notwendigerweise stets etwas anderes voraus: das Empfangen bzw. Annehmen einer Gabe oder Wohltat – und zwar »mit dem Geständnis, daß wir das Angenommene nicht erworben und nicht verdient, daß wir dieses Annehmen nicht vorhergesehen, daß wir keinen Anspruch darauf gehabt haben. Danken heißt: Anerkennen, daß es sich um das Annehmen eines reinen Geschenkes handelt, dessen Wirklichkeit anderswo als in der Güte des Schenkers keinen Grund hat, im Blick auf das wir also nur diese Güte des Schenkers preisen können.«2
Im Deutschen haben das Danken und das Denken dieselbe Herkunft.3 Das macht uns auf etwas weiteres aufmerksam: Dankbarkeit stellt sich dann ein, wenn wir uns der unverdienten Gabe oder Wohltat bewusst werden, indem wir darüber nachdenken. Wenn wir zum Beispiel einmal darüber nachdenken, was uns im Leben an Gutem unverdient widerfahren ist, kann sich darüber eine tiefe Dankbarkeit einstellen.
In den drei so genannten alten Sprachen, dem Hebräischen, dem Griechischen und dem Lateinischen, gibt es keine eigene Vokabel für das Danken. Sehr wohl aber haben sich verschiedene Ausdrücke verfestigt, um das Danken auszudrücken. Im Griechischen und im Lateinischen wird hierfür die Vokabel für Gnade bzw. Gunst gebraucht (griech. χάρις / cháris, lat. gratia): Das griechische εὐχαριστεῖν / eucharistein heißt wörtlich: jemandem eine Gunst / Gnade erweisen.4 Das Lateinische unterscheidet sogar verschiedene Formen des Dankens: Zum einen kennt das Lateinische den Ausdruck gratiam habere (wörtlich: Gunst haben). Das meint so viel wie dankbar sein oder um einen Dank wissen. Davon unterschieden ist der Ausdruck gratiam dicere oder gratiam agere (wörtlich: Gunst sagen / tun, äußern). Damit ist das ausdrückliche Danken gemeint: Jemand hat oder empfindet nicht nur Dankbarkeit (gratiam habere), sondern drückt seine Dankbarkeit mit Worten aus bzw. dankt. Eine weitere Form des Dankens steht hinter dem Ausdruck gratiam referre (wörtlich: Gunst zurücktragen). Davon ist die Rede, wenn jemand einer anderen Person nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten dankt.5 Der Unterscheidung im Lateinischen zwischen gratiam habere auf der einen Seite und gratiam dicere / agere / referre auf der anderen Seite entspricht im Deutschen die Unterscheidung zwischen Dankbarkeit / dankbar sein und Dank / danken:
| gratiam habere | Dank wissen, dankbar sein | Dankbarkeit |
| gratiam dicere | danksagen | Dank |
| gratiam agere | danken (mit Worten) | |
| gratiam referre | danken (mit Taten) |
Während die Dankbarkeit etwas ist, das wir empfinden oder uns bewusst machen, ist der Dank der Ausdruck der Dankbarkeit.6 Der Dank – nicht als floskelhafter Ausdruck einer Höflichkeit oder moralischen Verpflichtung, sondern als wirklicher und aufrichtiger Dank – erwächst aus der Dankbarkeit. Der »Dank ist die Reaktion auf eine Wohltat, die nicht als solche wiederholt und zurückgegeben, die also nur mit einer ihr entsprechenden, sie widerspiegelnden Antwort als solche anerkannt und bestätigt werden kann.«7 Wenn eine Person A einer Person B etwas Gutes tut, dann kann sich darüber eine Dankbarkeit bei Person B einstellen. Wenn nun die Person B ihrer Dankbarkeit auch Ausdruck verleiht, indem sie Person A dankt, dann ist dieser Dank die Antwort auf die empfangene Gabe oder Wohltat. Noch nicht die Dankbarkeit, sondern erst der Dank macht aus einer Einseitigkeit (Person A tut Person B etwas Gutes) eine Gegenseitigkeit (Person B antwortet Person A). Durch den Dank entsteht eine gegenseitige Beziehung.
Der Unterschied zwischen Dankbarkeit und Danken spielt auch eine Rolle in einer Erzählung, die der Evangelist Lukas überliefert:
| »11 Und es geschah auf dem Weg nach Jerusalem, da zog er [Jesus] durch Samarien und Galiläa. 12 Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer, die in der Ferne standen. 13 Und sie erhoben ihre Stimme und sprachen: ›Jesus, Meister, erbarme dich unser!‹ 14 Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: ›Geht hin und zeigt euch den Priestern!‹ Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein.
15 Einer von ihnen aber, als er sah, dass er geheilt worden war, kehrte zurück und pries Gott mit lauter Stimme. 16 Und er fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. 17 Jesus aber antwortete und sprach: ›Sind nicht die zehn reingeworden? Wo aber sind die neun? 18 Hat sich sonst keiner gefunden, der umgekehrt ist, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde?‹ 19 Und er sprach zu ihm: ›Steh auf, geh hin! Dein Glaube hat dich gerettet.‹« (Lukas 17,11–19) |
Einer von den zehn Aussätzigen »kehrte zurück« zu Jesus »und dankte ihm«. Nun lässt der Evangelist Lukas in dieser von ihm sehr genau überlegten und gestalteten Erzählung offen, ob die neun anderen Aussätzigen nicht auch dankbar für ihre wundersame Heilung waren – so zumindest die Einordnung eines namhaften Neutestamentlers des 20. Jahrhunderts.8 Der entscheidende Unterschied besteht nicht zwangsläufig in der Dankbarkeit bzw. der Undankbarkeit, sondern der Dank macht hier den Unterschied zwischen dem einen Samariter und den neun anderen aus. Durch den Dank entsteht eine gegenseitige Beziehung zwischen Jesus und dem Samariter; die anderen neun haben die Hilfe Jesu nicht beantwortet – sei es aus Undankbarkeit oder sei es trotz ihrer Dankbarkeit.
Wir kennen das: Auch für uns macht es einen Unterschied, ob uns jemand ausdrücklich dankt oder nicht. Wenn wir Zeit, Mühen und Kosten aufwenden, um jemandem eine Freude zu bereiten, dann freuen wir uns über seinen ausdrücklichen Dank und sind enttäuscht, wenn dieser ausbleibt. Von einer nur für sich selbst empfundenen Dankbarkeit des anderen erfahren wir ja nichts, es sei denn die Dankbarkeit wird auch ausgedrückt (Dank).
Nun könnte man mit Blick auf die Erzählung von der Heilung der zehn Aussätzigen (Lukas 17,11–19) einwenden: Selbst dann, wenn auch die neun anderen dankbar für ihre Heilung gewesen sein sollen, so waren sie dennoch undankbar gegenüber Jesus, der ihnen geholfen hat. Insofern können auch sie trotz einer vermeintlich für sich selbst empfundenen Dankbarkeit dennoch Undankbare sein.
Diese Frage verdeutlicht uns, wie wichtig nicht nur die Gabe, sondern auch und noch mehr sogar der Geber einer Gabe ist, wenn es um die Dankbarkeit und den Dank geht. Anders gesagt: Entscheidend ist nicht nur, wofür wir dankbar sind, sondern auch wem wir dankbar sind bzw. danken.
Führen wir uns auch das an einem Beispiel vor Augen: Ein Mensch droht in einem Fluss zu ertrinken. Ein vom Ufer über den Fluss hinausragender Ast bietet ihm die Gelegenheit zur Rettung. Er hält sich an ihm fest und ist dem drohenden Tode entkommen. Der Ast bietet ihm die gleiche Hilfe wie ein Stock, der ihm von einem anderen Menschen vom Ufer aus zugereicht wird. Das eine ist ein Naturereignis, das andere geschieht durch die Zuwendung eines Handelnden. In der Sache ist das Ergebnis das gleiche: die Rettung des Menschen. Im zweiten Fall aber (ein anderer Mensch reicht einen Stock) geht es nicht nur um ein sachliches Verhältnis, sondern auch um ein persönliches – um den persönlichen Dank gegenüber dem Retter.9
Dieses Beispiel stammt von dem Theologen Helmut Gollwitzer (1908–1993), einem Schüler des wohl bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Barth (1886–1968). Gollwitzer will damit auf folgenden Unterschied hinweisen: »Damit [mit dem Dank] bekenne ich, daß ich durch die Gabe reicher geworden bin, als die Gabe als solche mich hätte machen können, daß ich nicht nur die Gabe, sondern in, mit und unter der Gabe den Geber empfangen habe und in meinem Leben willkommen heiße. Solange ich nicht danke, bin ich nicht reicher, als die jeweilige Gabe als solche mich macht, bleibe in mich beschränkt und darum arm hinsichtlich der eigentlichen Gabe, die hier in meine Aussicht trat.« Entscheidender als die Gabe ist der Geber, dessen Zuwendung wir durch den Dank beantworten: »Im wirklichen Dank wendet sich der Blick des Empfängers von der Gabe zum Geber.«10
Folgendes können wir nun für die Dankbarkeit und den Dank festhalten:
- Die Dankbarkeit können wir für uns selbst empfinden bzw. uns bewusst machen, wenn uns eine gute Gabe geschenkt oder eine Wohltat widerfahren ist. Sowohl die Dankbarkeit als auch der Dank sind immer eine nachträgliche Reaktion auf eine zuvor geschenkte Gabe oder Wohltat, die der Zukunft dient.
- Der Dank bezieht sich nicht nur auf die Gabe oder Wohltat, sondern mit dem Dank wendet sich der Beschenkte auch ausdrücklich an den Geber oder Wohltäter. Der Dank ist eine Antwort, wodurch eine gegenseitige Beziehung entsteht. Oder anders gesagt: »Danken kann man nur Personen«;11 anders als die Dankbarkeit ist das Danken »ein Tun, das schlechthin nur zwischen Personen möglich ist«.12
Die »Ratlosigkeit des Dankempfindens«13
Wenn wir für die Wohltat einer anderen Person Dankbarkeit empfinden, diese Dankbarkeit aber nicht ausdrücken, dann kann die Dankbarkeit zugleich mit einem Undank dieser Person gegenüber einhergehen. Damit stößt uns die Unterscheidung zwischen Dankbarkeit und Dank auf folgende Fragen: Ist Dankbarkeit, wenn sie nicht im Dank ihren Ausdruck findet, überhaupt vollständig? Schwingt dann nicht zumindest eine gewisse Form der Undankbarkeit mit? Zum anderen werden wir auf die noch gewichtigere Frage gestoßen: Was ist mit den zahlreichen unverdienten Gaben, für die wir dankbar sind, bei denen wir aber einen konkreten Geber unter unseren Mitmenschen gar nicht benennen können? Empfinden wir nicht oft eine tiefe Dankbarkeit für unser Leben und die größtenteils guten Umstände unseres Lebens sowie für das Gute, das uns scheinbar zufällig im Leben widerfahren ist? Der zitierte Theologie Helmut Gollwitzer spricht in diesem Zusammenhang von der »Ratlosigkeit des Dankempfindens […], das von keinem Adressaten, weil von keinem persönlichen Geber weiß und deshalb die Allgemeinbegriffe Natur und Schicksal als Platzhalter eines solchen Adressaten zu nennen gezwungen ist.«14
Der Dank erfordert notwendigerweise ein Gegenüber, an den er sich richtet. Aber sucht nicht eine tiefe Dankbarkeit für das eigene Leben im Grunde auch schon ein Gegenüber, an das wir uns dankend wenden könnten? Der Apostel Paulus schreibt im Römerbrief: »Denn obwohl sie von Gott wussten, haben sie ihn nicht geehrt und ihm nicht gedankt.« (Römer 1,21a) Undankbarkeit ist, so könnte man im Anschluss an dieses Pauluswort formulieren, nichts anderes als ein Ausdruck der Gottvergessenheit. Verweist uns die Dankbarkeit, bei der wir keinen konkreten Mitmenschen als Adressaten unserer Dankbarkeit und damit unseres Dankes ausmachen können, nicht im Grunde auf die Frage nach Gott als den eigentlichen und entscheidenden Geber unseres Lebens? Dazu passt, wozu uns der Psalmist im 103. Psalm des Alten Testaments auffordert: »Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.« (Psalm 103,2) Während die Undankbarkeit ein Ausdruck der Gottvergessenheit ist, kennzeichnet die Dankbarkeit, so Paulus an anderer Stelle, das Leben desjenigen Menschen, der nach Gott fragt:15 »Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.« (1. Thessalonicher 5,18)
Der Dank an Gott
An im Grunde allen Stellen, in denen der Dank im Neuen Testament vorkommt, geht es um die Danksagung an Gott.16 Das Neue Testament ermutigt uns, Gott zu danken. Und haben wir nicht allen Grund dazu? Denn auch für den Dank an Gott gilt das, was für den Dank allgemein gilt: Der Dank an Gott ist die nachträgliche Antwort auf eine bereits vergangene Wohltat, die uns widerfahren ist: »Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.« (Lukas 2,10–11) Mit unserem Dank antworten wir auf die Beziehung, die Gott zu uns Menschen sucht: »Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns« (Johannes 1,14). Aber noch etwas gilt für den Dank an Gott: So wie ein Mensch, der vor dem Tod gerettet wurde, seinem Retter nicht nur für die geschehene Tat, sondern damit auch für die geschenkte Zukunft dankt, so wie ein Mensch seinen Eltern oder seinen Freunden dankt, dass sie ihn für das weitere Leben gestärkt haben,17 so bezieht sich auch der Dank an Gott nicht nur auf etwas Vergangenes, sondern auch auf die Zukunft, die er uns Menschen damit schenkt. Wie die Dankbarkeit und der Dank richtet auch das Weihnachtsfest unseren Blick nicht nur zurück, sondern auch nach vorne. Das Evangelium prägt unseren Blick zurück, indem es uns nicht missmutig über das Schlechte, sondern dankbar für das Gute macht. Es prägt unseren Blick nach vorne, indem es uns auch für unsere Zukunft getrost wissen lässt: »Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. […] Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen« (Johannes 1,5.9).
Ein Gedicht von Matthias Claudius
Im 18. Jahrhundert hat Matthias Claudius (1740–1815), der Dichter des berühmten Liedes »Der Mond ist aufgegangen«,18 den Dank an Gott in einem Gedicht eigens thematisiert. Er drückt darin seine Dankbarkeit für die Gaben aus, für die wir keinen menschlichen Geber ausmachen können, sondern bei denen sich unser Dank ausschließlich an Gott richten kann:
| Täglich zu singen
Ich danke Gott und freue mich Wie’s Kind zur Weihnachtsgabe, Daß ich bin, bin! Und daß ich dich, Schön menschlich Antlitz! habe; Daß ich die Sonne, Berg und Meer, Und Laub und Gras kann sehen, Und abends unterm Sternenheer Und lieben Monde gehen; Und daß mir denn zu Mute ist, Als wenn wir Kinder kamen Und sahen, was der heil’ge Christ Bescheret hatte, Amen! Ich danke Gott mit Saitenspiel, Daß ich kein König worden; Ich wär’ geschmeichelt worden viel Und wär’ vielleicht verdorben. Auch bet’ ich ihn von Herzen an, Daß ich auf dieser Erde Nicht bin ein großer reicher Mann, Und auch wohl keiner werde. Denn Ehr’ und Reichtum treibt und bläht, Hat mancherlei Gefahren, Und vielen hat’s das Herz verdreht, Die weiland wacker waren. Und all das Geld und all das Gut Gewährt zwar viele Sachen; Gesundheit, Schlaf und guten Mut Kann’s aber doch nicht machen. Und die sind doch, bei Ja und Nein! Ein rechter Lohn und Segen! Drum will ich mich nicht groß kastein Des vielen Geldes wegen. Gott gebe mir nur jeden Tag, So viel ich darf zum Leben. Er gibt’s dem Sperling auf dem Dach; Wie sollt’ er’s mir nicht geben!19 |
Mit diesen Zeilen grüße ich Sie herzlich und wünsche Ihnen eine gesegnete Adventszeit und frohe Weihnachten!
Ihr
Gregor Wiebe, Pfarrer
Anmerkungen
- Thomas Hübner, Die Geschichte der Evangelischen Kirchengemeinde Rondorf als Ortsgemeinde, in: Festschrift anläßlich der Einweihung der Emmanuelkirche zu Köln-Rondorf am dritten Sonntag nach Trinitatis, dem 19. Juni 1988, im Auftrag des Presbyteriums der Ev. Kirchengemeinde Rondorf hg.v. Th. Hübner (Gemeindebuch Band I), Köln 1988, S. (31–115) 85.90.
- Karl Barth, Die Kirchliche Dogmatik. Die Lehre von Gott (KD II/1), Zürich (Theologischer Verlag) [11940] 51975, S. 222 (§27: Die Grenzen der Erkenntnis Gottes).
- Friso Melzer, Der christliche Wortschatz der deutschen Sprache. Eine evangelische Darstellung, Lahr / Baden (Ernst Kaufmann) 1951, S. 119; s.a. ders., Vom Danken und Denken, in: Monatsschrift für Pastoraltheologie (März 1959), S. 65–68; auf diesen Zusammenhang wurde ich aufmerksam durch eine Predigt von Thomas Hübner (von 1982 bis 2017 Pfarrer der Ev. Kirchengemeinde Rondorf): Th. Hübner, Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis, dem 10.IX.2023, um 11.00 Uhr in der Emmanuelkirche zu Köln-Rondorf über Lukas 17,11–19. Dieser Predigt verdanke ich auch darüber hinaus wichtige Anregung für den hier abgedruckten Leitartikel.
- Hans Conzelmann, Art. »εὐχαριστέω, εὐχαριστία, εὐχάριστος«, in: Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament (ThWNT), Bd. 9, Stuttgart / Berlin / Köln / Mainz (W. Kohlhammer) 1973, S. (397–405) 397; s.a. Henry George Liddell / Robert Scott, A Greek-English Lexicon. Neubearbeitung durch Henry Stuart Jones, Oxford (Clarendon Press) 91940 (Nachdruck 1961), S. 738.
- Karl Ernst Georges / Heinrich Georges, Ausführliches Lateinisch-Deutsches Handwörterbuch aus den Quellen zusammengetragen und mit besonderer Bezugnahme auf Synonymik und Antiquitäten unter Berücksichtigung der besten Hilfsmittel, Bd. 1, Hannover (Hahnsche Buchhandlung) 111962, Sp. 2965. Auf die unterschiedlichen lateinischen Ausdrücke wurde ich aufmerksam bei Willi Marxsen, Predigt über Lukas 17,11–19 [gehalten am 20.10.1958], in: ders., Predigten, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn) o.J. [1969], S. (17–23) 20. Ähnlich unterscheidet auch der Philosoph Thomas Nisters in seiner Untersuchung zur Dankbarkeit, vgl. Th. Nisters, Dankbarkeit, Würzburg (Königshausen & Neumann) 2012, S. 118.
- Helmut Gollwitzer, Der Glaube als Dank. Christliche Existenz als Leben in der Dankbarkeit bei Karl Barth [1974], in: ders., Auch das Denken darf dienen. Aufsätze zu Theologie und Geistesgeschichte, Bd. 1 (Ausgewählte Werke in 10 Bänden, Bd. 8), hg.v. Friedrich Wilhelm Marquardt, München (Chr. Kaiser) 1988, S. (387–408) 392: »Dankbarkeit ist die […] entsprechende Einstellung des Menschen, und Dank ist die Betätigung dieser Einstellung.« (kursiv im Original)
- Karl Barth, Die Kirchliche Dogmatik. Die Lehre von Gott (KD II/2), Zürich (Theologischer Verlag) [11942] 51974, 457 (§ 35: Die Erwählung des Einzelnen); s.a. H. Gollwitzer, a.a.O. (s.o. Anm. 6), S. 391f.: »Dank ist immer Antwort. Wo Dank geschieht, ist ein anderes Geschehen vorausgegangen. Dank ist immer reagierendes, nachträgliches Handeln.«
- W. Marxsen, a.a.O. (s.o. Anm. 5), S. 19: »Es steht zwar nicht im Text, aber ich kann es mir nicht anders vorstellen, als daß sie mit einem Jubel ohnegleichen nach Hause zogen, daß sie in einer Stimmung waren, in der sie (aus Dankbarkeit!) die ganze Welt hätten umarmen mögen. Sie waren also ganz gewiß dankbar, so dankbar, wie auch wir sind, wenn uns ein Wunder geschieht. Und uns sind ja Wunder geschehen. Wer aus einem Gefangenenlager entlassen wurde, kann davon berichten. Wer nach den Hungerjahren zum erstenmal satt wurde, kennt dieses Gefühl. Wer die letzten zehn Jahre mit offenen Augen durchlebt hat, kann das doch nicht übersehen haben. Wer von einer schweren Krankheit genas oder wer es erlebte, daß Vater, Mutter oder Kind gesund wurden, hat es doch erfahren. Wer plötzlich einem lieben Menschen begegnen darf, von dem er lange getrennt war, weiß, was ich meine. […] aus unserer Geschichte gehören sehr wahrscheinlich auch alle zehn Männer und nicht nur der eine auf die Seite der Dankbaren.«
- Dieses Beispiel findet sich bei Helmut Gollwitzer, Vom Danken [Abschnitt aus einer Vorlesung über »Grundfragen christlicher Ethik«], in: ders., Auch das Denken darf dienen. Aufsätze zu Theologie und Geistesgeschichte, Bd. 1 (Ausgewählte Werke in 10 Bänden, Bd. 8), hg.v. Friedrich Wilhelm Marquardt, München (Chr. Kaiser) 1988, S. (196–213) 204.
- Gollwitzer, a.a.O. (s.o. Anm. 9), S. 203. Ähnlich auch Ulrich Barth, Symbole des Christentums. Berliner Dogmatikvorlesung, hg.v. Friedmann Steck, Tübingen (Mohr Siebeck) [12021] 22023, S. 83: »Die tiefste Form der Dankbarkeit dürfte dort vorliegen, wo die Gefühlserwiderung auf die empfangenen Gaben übergreift auf das Verhältnis zu der Person des Gebenden. Die Reaktion auf die Wohltat gelangt mit der Reaktion auf den Wohltäter gleichsam zur Deckung. Die Annahme der Gabe schlägt gleichsam um in eine Hingabe an den Geber.« Für den Hinweis auf den Text Ulrich Barths danke ich Roman Michelfelder.
- Gollwitzer, a.a.O. (s.o. Anm. 6), S. 391.
- Gollwitzer, a.a.O. (s.o. Anm. 6), S. 198; s.a. ebd., S. 200: »Dank ist unmöglich gegenüber einer allgemeinen Instanz, die allgemein, also gesetzhaft handelt – ist also unmöglich gegenüber dem Schicksal und der Natur. […] Dank ist ebenso unmöglich gegenüber einer Institution, etwa gegenüber dem Staat. Sofern er in dieser Richtung ausgesprochen wird, geschieht eine Personifizierung, die in der Menschlichkeit der Institution gründet und im eigentlichen Sinne sich nur auf deren persönliche Repräsentanten richten kann.« (kursiv im Original)
- Gollwitzer, a.a.O. (s.o. Anm. 6), S. 200.
- Gollwitzer, a.a.O. (s.o. Anm. 6), S. 200.
- Hartmut von Sass, Dankbarkeit und religiöser Glaube, in: Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie (NZSTh), Jg. 62 (2020), S. (484–518) 514: »An Gott zu glauben, impliziert notwendigerweise, das Leben in Dankbarkeit zu führen.« (kursiv im Original), s.a. B. Wannenwetsch, Art. »Dank«, in: Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft (RGG4), Bd. 2 (C–E), Tübingen (Mohr Siebeck) 41999, Sp. (562f.) 562.
- Hans-Helmut Eßer / Bernd Wander, Art. »εὐχαριστία«, in: Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament. Neubearbeitete Ausgabe, hg.v. Lothar Coenen / Klaus Haacker, Wuppertal (R. Brockhaus) 1997, S. (240–242) 241: »Nur an 3 Stellen – Lk 17,16, Apg 24,3 und Röm 16,4 – bezeichnen sie den Dank an Menschen; dabei sind jedoch die erste (Dank des geheilten samaritischen Aussätzigen an Jesus) und die letztgenannte noch aus dem Zusammenhang geistlichen Handelns zu verstehen.«; s.a. Heinz Schürmann, Art. »Dank(sagung)«, in: Lexikon für Theologie und Kirche (LThK), Bd. 3, Freiburg (Herder) [11959] 21968, Sp. (158f.) 158: »außer Apg 11,17 kommt es zu ausdrücklichem Dank aber nur, wo in persönlicher Weise des an den Christen verwirklichten Heiles oder der gnädigen Fügungen Gottes (1Kor 1,14; vgl. 2Kor 1,3ff) gedacht wird (nie – außer beim Tischdank – für irdisches Wohlergehen als solches).« (kursiv im Original)
- H. Gollwitzer, a.a.O. (s.o. Anm. 6), S. 394.
- Ev. Gesangbuch 482.
- Matthias Claudius, Täglich zu singen [1777], in: ders., Ausgewählte Werke. Nach Gattungen geordnet, hg.v. Winfried Freund, Nachdruck der 1995 im Lambert Schneider Verlag erschienenen Ausgabe (Edition Lambert Schneider), Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2004, S. 429f.; zur Deutung des Gedichtes vgl. Thorsten Dietz, »Wie’s Kind zur Weihnachtsgabe«. Dankbarkeit bei Matthias Claudius, in: P&S. Magazin für Psychotherapie und Seelsorge, Ausgabe 04/2015, S. 10–13. Die Kenntnis des Gedichts von Claudius verdanke ich Pfarrer i.R. Winfried Landgrebe (von 1982 bis 2005 Pfarrer der Ev. Kirchengemeinde Rodenkirchen); er zitiert das Gedicht in einem Filmbeitrag im Rahmen der Interview-Dokumentation »#undwarumbistduhier« von Annette Frier, vgl. https://www.youtube.com/watch?v=VuCFXtsTgn0 (siehe dort Minute 11:06 bis 12:17).