»Feste und Feiern«

Grund zum Feiern

Liebe Gemeinde,

Rheinländer, so wird gerne behauptet, seien immer in Feierlaune. Tatsächlich aber zeigt schon der Blick auf den Karneval: Feiern ist nicht einfach nur eine Sache der Stimmung, sondern auch eine Sache des Kalenders. Neben spontanen Anlässen gibt es festgelegte Feierzeiten im Jahr, und die folgen einer erstaunlich alten Ordnung. Selbst der Karneval, der Vielen als rein weltliches Vergnügen erscheint, hängt am Kirchenjahr. Genauer gesagt: am Ostertermin. Dass die Session im Jahr 2027 ausgesprochen kurz sein wird, ist deshalb keine Laune des Brauchtums, sondern eine Folge dieser Zeitrechnung.

Damit sind wir bei einer interessanten Einsicht: Religionen haben das Jahr schon weit vor unserer Zeitrechnung durch Festzeiten strukturiert. Oft kamen politische Feste zu den religiösen hinzu, etwa zur Verehrung von Herrschern oder zur Erinnerung an militärische Siege. Ein Festkalender verrät also immer auch etwas darüber, was einer Gesellschaft wichtig ist. Er ordnet nicht nur die Zeit, sondern auch das Gedächtnis.

Mondkalender

Die ersten Kalender der Menschheit orientierten sich oft am Mond, weil seine Phasen leicht zu beobachten waren. Sogar unser Wort „Monat“ erinnert noch daran. Ein Mondmonat dauert etwa 29,5 Tage, ein Mondjahr deshalb nur rund 354 Tage. Genau da beginnt das Problem: Ein Jahr, das sich nur nach dem Mond richtet, ist kürzer als das Sonnenjahr. Feste verschieben sich dann im Laufe der Zeit immer weiter. Was ursprünglich als Frühlingsfest gedacht war, kann einige Jahre später im Winter stattfinden.

Das kann man bis heute am islamischen Kalender beobachten, der sich ausschließlich am Mond orientiert. Der wichtige Fastenmonat Ramadan ist nicht an eine bestimmte Jahreszeit gebunden. Er kann im Sommer liegen oder im Winter — und wandert in etwa 32,5 Jahren einmal durch das gesamte Sonnenjahr.

Sonnenkalender

Sonnenkalender richten sich nach dem Lauf der Erde um die Sonne. Grundlegende Einheit ist das Jahr, also die Zeit, die die Erde für einen Umlauf braucht. Deshalb orientieren sich Sonnenkalender vor allem an den Jahreszeiten. Monate und Tage sind darin so geordnet, dass Frühling, Sommer, Herbst und Winter im Jahreslauf möglichst an derselben Stelle bleiben. Historisch liegen die Ursprünge solcher Kalender in den frühen Hochkulturen, besonders in Ägypten. Dort erkannte man schon früh die enge Verbindung zwischen Sonnenlauf, Nilüberschwemmung und landwirtschaftlichem Jahr. Auch der julianische Kalender, den Julius Cäsar 46 v. Chr. im Römischen Reich einführen ließ, war ein Sonnenkalender.

Kombinationen von Sonnen- und Mondkalendern

Der jüdische Kalender geht einen etwas anderen Weg. Er orientiert sich grundsätzlich am Mond, gleicht die Differenz zum Sonnenjahr aber durch einen zusätzlichen 13. Monat mit 30 Tagen aus. Dieser wird in bestimmten Abständen (alle zwei bis drei Jahre) eingeschoben, denn viele jüdische Feste haben auch einen jahreszeitlichen Bezug, der gewahrt bleiben soll. Darum spricht man hier von einem Lunisolarkalender.

Der christliche Festkalender

Auch der christliche Festkalender bezieht sich auf das Mond- und das Sonnenjahr. Der wichtigste christliche Feiertag, der Ostersonntag, wurde auf dem Konzil von Nicäa im Jahre 325 auf den ersten Sonntag nach dem Frühjahrsvollmond festgelegt. Von dort aus bestimmen sich dann auch die Passionszeit und die Zeit bis Pfingsten.

Weihnachten hingegen wurde nach dem Sonnenkalender auf den 25. Dezember festgelegt. Die orthodoxen Kirchen teilen zwar dieses Datum, berechnen es aber nach dem julianischen Kalender, der von Julius Cäsar (100–44 v. Chr.) eingeführt wurde. Deshalb fällt das orthodoxe Weihnachtsfest nach dem heute allgemein anerkannten gregorianischen Kalender auf den Abend des 6. Januar.

Der Wochenrhythmus

Ein besonderes Kennzeichen des christlichen Festkalenders ist, dass er nicht nur vom Jahr her denkt. Neben Weihnachten, Ostern, Pfingsten und den anderen wiederkehrenden Festzeiten kennt er auch ein Fest, das viel dichter in das Leben eingewoben ist: den Sonntag. Er ist der kleine, regelmäßige Feiertag mitten im Lauf der Wochen — und theologisch mehr als ein bloßer Ruhetag. Die Christen haben ihn von Anfang an als Erinnerung an den Ostertag verstanden, als den Tag der Auferstehung Jesu, den „ersten Tag der Woche“ und somit als wöchentlich wiederkehrendes Ostergedächtnis. Jeder Sonntag trägt also etwas vom großen Osterfest in sich: den Grundgedanken der Unterbrechung, der Hoffnung und des neuen Anfangs.

Begründung der Sieben-Tage-Woche in der Schöpfungsgeschichte 1. Mose 1,1-2,4a

Historisch ist das keineswegs selbstverständlich. Dass Zeit nicht nur in Monaten und Jahreszeiten, sondern auch in regelmäßig wiederkehrenden Sieben-Tage-Einheiten gegliedert wird, ist das Ergebnis einer langen Entwicklung. Der Ursprung der Sieben-Tage-Woche liegt im Judentum. Dort gibt die biblische Schöpfungserzählung der Zeit ihren Rhythmus: sechs Tage des Arbeitens, der siebte Tag als Sabbat. Dieser feste Wechsel war etwas Besonderes und nicht aufgrund von Naturereignissen vorgegeben wie der (Mond-) Monat. In vielen antiken Kulturen wurden vor allem Monde und Monate gezählt; auch Markt- und Festtage kehrten wieder, aber nicht überall in der strengen und fortlaufenden Form einer Woche, wie sie uns heute selbstverständlich ist. Im Römischen Reich kannte man lange Zeit den Acht-Tage-Zyklus der Markttage. Erst allmählich setzte sich die Sieben-Tage-Woche im ganzen Mittelmeerraum durch.

Konzentration der christlichen Woche auf den Sonntag

Das Christentum hat den jüdischen Wochenrhythmus neu gedeutet. Aus dem Sabbat wurde nicht einfach der Sonntag; vielmehr trat – neben die Erinnerung an die Schöpfung – die Erinnerung an die Auferstehung. Darum ist der Sonntag im christlichen Sinne ein wöchentliches Festzeichen. Während die großen Feste des Kirchenjahres einmal im Jahr wiederkehren, erinnert der Sonntag Woche für Woche daran, dass der Glaube nicht nur von besonderen Hoch-Zeiten lebt. Er braucht auch die verlässliche Wiederkehr: einen Tag, der dem Alltag „widerspricht“, ihn unterbricht und ihm gerade so Maß und Mitte gibt.

Warum eigentlich „Feiern“?

Der Kalender sagt uns nicht nur, wann gefeiert wird. Er verrät auch, warum Menschen überhaupt feiern. Ein Fest unterbricht den Alltag. Plötzlich gelten andere Regeln: Man arbeitet nicht weiter wie immer, man zieht sich vielleicht anders an, trifft andere Menschen, isst anders, singt, betet, schmückt, erinnert sich. Kurz: Die Zeit bekommt einen Rahmen. Und genau das ist der Punkt.

Feste als eigene Zeitform

Die Religionswissenschaft weist darauf hin, dass ein Fest eine eigene Zeitform ist. Ein Fest unterbricht den Alltag. Es sagt: Heute ist nicht einfach irgendein Dienstag. Heute wird erinnert, gedankt, getrauert, gehofft oder gejubelt. Zeit wird also nicht nur gemessen, sondern markiert — und manchmal geradezu feierlich „angestrichen“.

Deshalb hängen Feste oft an Ursprüngen und Geschichten. Sie holen Vergangenes nicht einfach in Erinnerung, sondern machen es gegenwärtig. Man könnte auch sagen: Im Fest wird nicht nur an etwas gedacht, sondern auch aus etwas gelebt. Wer feiert, sagt damit: Dies hier ist wichtig. So wichtig, dass wir ihm Zeit geben.

Feste als Gemeinschaftsereignisse

Zugleich ordnen Feste die Gemeinschaft. So beschreibt es die Soziologie. Feste zeigen, wer zusammengehört, was gemeinsam gilt und woran man sich orientiert. Das merkt man schon an Kleinigkeiten: Wer sitzt mit am Tisch? Was wird gegessen? Welche Lieder werden gesungen? Wer hat welche Aufgabe? Feste sind deshalb nie beliebig. Sie schaffen Nähe, ziehen aber auch Grenzen. Sie sagen nicht nur: „Schön, dass wir zusammen sind“, sondern oft auch: „So machen wir das.“

Dazu kommt: Feste machen etwas sichtbar. Eine Gesellschaft zeigt im Feiern, was ihr etwas wert ist. Sie stellt sich gewissermaßen selbst auf die Bühne. Mal ernst, mal fröhlich, mal mit Weihrauch, mal mit Konfetti. Im Fest probieren Menschen nicht selten auch aus, wie das Leben anders aussehen könnte: versöhnter, gemeinsamer, freier, hoffnungsvoller. Deshalb haben Feste immer etwas von Ausnahmezustand — allerdings im besten Sinn.

Pfingsten und Erntedank – zwei sehr verschiedene christliche Feste

Wer den christlichen Festkalender genauer ansieht, merkt schnell: Manche Feste erinnern an zentrale Ereignisse der Heilsgeschichte, andere an die Grundlagen des Lebens. Gerade daran lässt sich gut zeigen, dass das Kirchenjahr nicht nur Zeiten ordnet, sondern Glauben deutet. Es sagt nicht bloß, wann gefeiert wird, sondern auch, was Christen als wesentlich ansehen.

Das wird besonders deutlich, wenn man Pfingsten und Erntedank miteinander vergleicht. Beide sind im evangelischen Kirchenjahr fest verankert, aber sie stehen für unterschiedliche Weisen, das Leben vor Gott zu verstehen.

Pfingsten: Fest des Geistes und des Anfangs der Kirche

Pfingsten, das gerade hinter uns liegt, bildet den Abschluss des Osterfestkreises. Wie schon Weihnachten und Ostern ist es kein Fest, das sich aus dem Naturjahr ergibt, sondern eines, das aus der Erinnerung an Gottes Handeln lebt. Fünfzig Tage nach Ostern wird gefeiert, dass Gottes Geist die Jünger ergreift, ihre Angst unterbricht und sie befähigt, öffentlich von Christus zu reden. Pfingsten ist das Fest des Anfangs der Kirche. Wo Menschen einander verstehen, obwohl sie verschieden sind, wo das Evangelium sprachfähig wird und wo aus einer verunsicherten Gruppe eine Gemeinde wird, da liegt der Sinn dieses Tages. Pfingsten lebt davon, dass Gott handelt und Menschen dadurch verändert werden.

Für evangelisches Verständnis ist das besonders wichtig. Kirche lebt davon, dass Gottes Geist durch das Wort Glauben weckt. Pfingsten erinnert daran, dass Kirche sich immer neu einem Geschehen verdankt, das sie nicht selbst hervorbringt. Man könnte auch etwas nüchterner sagen: Wo nur noch organisiert, aber nicht mehr gehofft wird, da ist Pfingsten ziemlich weit weg.

Erntedank: Fest der Schöpfung

Anders liegt der Fall bei Erntedank. Dieses Fest gehört nicht zu den großen Christusfesten des Kirchenjahres, und doch hat es ein beachtliches theologisches Gewicht. Denn hier geht es um die Schöpfung und um die Erfahrung, dass der Mensch sein Leben nicht aus sich selbst heraus hat. Damit hat Erntedank einen anderen Charakter als Pfingsten. Es ist kein Fest des kirchlichen Ursprungs, sondern eines der empfangenen Lebensgrundlagen. Das Fest hat deshalb eine auffällig handfeste Seite. Früchte, Brot, Gemüse, Blumen, manchmal auch landwirtschaftliche Geräte werden sichtbar in den Kirchenraum gebracht. Das verleiht der Erkenntnis Gestalt, dass wir von Gaben leben.

Gerade darin liegt seine bleibende Bedeutung. In einer Welt, die von Leistung, Planung und Machbarkeit lebt, hält Erntedank an einer unbequemen Wahrheit fest: Nicht alles, wovon wir leben, ist unser Werk. Der Mensch kann viel bearbeiten, verbessern, berechnen und verteilen. Aber dass überhaupt etwas wächst, dass Kräfte reichen, dass Leben gelingt, bleibt Geschenk. Erntedank ist darum eine Schule der Demut. Es bremst die Selbstüberschätzung, ohne die menschliche Arbeit geringzuschätzen.

Zugleich zeigt sich hier etwas von dem, was Feste überhaupt leisten. Sie machen sichtbar, was sonst leicht vergessen wird. So wie im Festkalender Erinnerung geordnet wird, so wird im Erntedank das Verhältnis des Menschen zur Schöpfung öffentlich markiert. Man dankt nicht nur innerlich, sondern gemeinschaftlich. Und damit wird auch klar: Dank hat Folgen. Wer für die Gaben der Erde dankt, wird nach ihrem gerechten Gebrauch fragen. Wer Brot auf dem Altarraum betrachtet, wird die nicht übersehen können, denen Brot fehlt.

Das theologisch Verbindende beider Feste

So stehen Pfingsten und Erntedank nebeneinander. Pfingsten ist das Fest des Geistes, Erntedank das Fest der Gaben. Pfingsten fragt nach dem Leben der Kirche, Erntedank nach dem Leben der Geschöpfe. Pfingsten erinnert daran, dass der Glaube nicht aus menschlicher Regie entsteht. Erntedank erinnert daran, dass auch das tägliche Leben nicht einfach verfügbar ist. Beide lehren auf ihre Weise dasselbe: Der Mensch lebt nicht aus sich selbst heraus.

Vielleicht ist genau das die Gemeinsamkeit, die beide Feste unter der Oberfläche verbindet.

Pfingsten bewahrt die Kirche davor, nur auf sich zu schauen und den Geist Gottes zu vergessen. Erntedank bewahrt Menschen davor, Wohlstand für selbstverständlich zu halten. Das eine Fest öffnet den Blick nach vorn: auf Sendung, Sprache und Hoffnung. Das andere richtet den Blick nach unten und nach außen: auf Erde, Arbeit, Abhängigkeit und Dankbarkeit. Zusammen erinnern sie daran, dass christlicher Glaube weder im Innerlichen noch im Materiellen aufgeht, sondern beides zusammenhält: Geist und Brot, Verheißung und Gabe, Kirche und Welt.

Ich komme auf den Anfang zurück. Nicht nur Rheinländer, auch Christen sind ständig in Feierlaune. Allerdings sind die Anlässe zum Feiern im christlichen Kalender sehr unterschiedlich, und auch die Art und Weise, wie gefeiert wird, unterscheidet sich von Fest zu Fest. Gemeinsam ist allen christlichen Festen, dass sie menschliches Leben und das Handeln Gottes als einen untrennbaren Zusammenhang darstellen.

Unsere neue Kirchengemeinde Köln-Rodenkirchen hat reichlich Grund zum Feiern. Davon können Sie sich in diesem Gemeindebrief überzeugen.

Michael Miehe